Gemeindeportraits  Der Nase nach zum Gottesdienst - Eine Gemeinde für die Hiesigen Friesickestraße 15; 13086 Berlin Als   1881   die Arbeit   der   Baptisten   im   Berliner   Stadtteil   Weißensee   anfing,   verfügten   sie   über   die   vielleicht wohlduftendste   Kinderstunde   der   Stadt.   Das   war   darauf   zurückzuführen,   daß   sie   sich   in   der   Bäckerstube des   Bäckers   und   Gemeindegründers   August   Lehmpfuhl   versammelte.   Dieser   Vorzug   erlitt   jedoch   ein jähes   Ende,   als   die   schnellwachsene   Gemeinde   oberhalb   einer   Schlachterei   Quartier   beziehen   mußte.   Im Jahre   1910   war   es   so   weit:   Die   heute   noch   genutzte   „Immanuel-Kapelle“   in   der   Friesickestr.   15   konnte eingeweiht werden. Mit   rund   800   Gemeindemitgliedern   erreichte   die   Gemeinde   unmittelbar   nach   dem   II.   Weltkrieg   ihren absoluten Höhepunkt. Danach ging es zahlenmäßig bergab. Heute liegt die Mitgliederzahl bei 160.                                             Wegen      der      Größe      ihres      Baus      diente      die      EFG      Berlin-Weißensee      bis      1982      als      eine Hauptversammlungsstätte   der   Baptisten   in   der   DDR.   Dort   fanden   unzählige,   bis   heute   unvergessene Konferenzen   und   Veranstaltungen   statt. Auch   der   renommierte   US-Evangelist   Billy   Graham   besuchte   die Gemeinde   im   Oktober   1982.   Es   blieben   nicht   alle   Augen   trocken,   als   dort   bei   einer   Feierstunde   im November 2014 der 25. Jahrestag des Mauerfalls begangen wurde. Seit    der    Wende    hat    sich    die    Lage    sehr    verändert.    Viele    langjährige    Mitglieder    und    Familien    sind fortgezogen;   es   sind   nur   noch   vereinzelt   Mitglieder   dabei,   die   vor   Ort   in   einer   baptistischen   Gemeinde großgeworden   sind.   Für   den   Nachwuchs   können   die   klein   gewordenen   Familien   nicht   mehr   sorgen.   Die Gegend   um   diese   Kirche   wird   vor   allem   von   Rentnern   und   hinzugezogenen,   jungen   Familien   bevölkert. Auch   die   Zahl   der   Flüchtlinge   und   Migranten   steigt   stark   an.   Nun   muß   man   zu   einem   Uranliegen   des Baptismus zurückkehren: Neue Menschen für den Glauben gewinnen. „Wir   wollen   uns   auf   die   Menschen   in   unserer   unmittelbaren   Umgebung   konzentrieren“,   versichert   der   aus Niedersachsen   stammende   Pastor   Torsten   Milkowski.   „Wenn   jemand   in   Weißensee   ein   freikirchliches Angebot   sucht,   wollen   wir   der   Ansprechpartner   sein.“   Er   fährt   fort:   „Wir   wollen   eine   Gemeinde   sein,   die offen   ist   auch   für   solche,   die   man   selten   oder   nie   in   einer   Kirche   sieht.   Wir   wollen   uns   nicht   nur   auf   ein Klientel    begrenzen    lassen.“    Das    Mitmachen    ist    angesagt.    Das    berühmte    Wort    des    Theologen    und Märtyrers   Dietrich   Bonhoeffer,   daß   die   Kirche   nur   Kirche   sei,   wenn   sie   eine   Kirche   für   andere   ist,   schreibt Pastor Milkowski wie folgt um: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche mit  anderen ist.“ Gegenwärtig   besteht   die   Gemeinde   vor   allem   aus   Rentnern,   jungen   Familien.   Zunehmend   kommen Migranten   hinzu.   Der   Pastor   fügt   jedoch   hinzu:   „Wir   haben   auch   einen   ganz   großen   Freundeskreis,   der nirgends   auf   einer   Mitgliederliste   steht   und   sonntags   auch   nicht   im   Gottesdienst   ist.   Diese   Freunde empfinden   uns   auch   als   ihre   Kirchengemeinde.   Doch   der   Weg   zur   Mitgliedschaft   ist   ein   ganz   weiter   Weg.“ Ein   Beispiel   für   eher   lose   Beziehungen   ist   eine   eigenständige   Kantorei,   die   in   den   Räumen   der   Kirche übt,    überwiegend    säkulare    Lieder    singt    und    mitunter    auch    im    Gottesdienst    auftritt.    Doch    als    „ihren Gemeindechor“ empfinden die Gemeindemitglieder diesen Kreis noch nicht. Milkowski   legt   großen   Wert   auf   die   Vielfalt.   Sein   eigener   Übertritt   in   die   Freikirche   im   Theologiestudium begründet   er   wie   folgt:   „Ich   wollte   Mitglied   einer   weltweiten   Kirche   sein.   Ich   wollte   kein   Mitglied   einer Freikirche   sein,   die   nur   im   eigenen   Saft   schmort.“   Er   meint   ferner:   „Diese   Gemeinde   war   schon   früher evangelikal   (theologisch   konservativ)   geprägt.   Ich   bin   aber   kein   evangelikaler   Theologe   und   deshalb   gibt es   immer   wieder   auch   Gesprächsbedarf. Theologisch   stehen   unsere   Mitglieder   mittlerweile   von   rechts   bis ganz    links.   Aber    es    ist    ein    Miteinander    und    kein    Gegeneinander    –    das    finde    ich    ganz    positiv    und belebend.   Alt   eingesessene   Gemeindemitglieder   berichten   immer   wieder,   wie   befreiend   die   theologische Breite   in   der   Gemeinde   geworden   ist.“   So   hat   die   Gemeinde   mittlerweile   ihre   Mitgliedschaft   geöffnet   und nimmt Menschen als Vollmitglieder auf, die sich nur auf ihre Taufe im Säuglingsalter berufen. Das Angebot Von   der Arbeit   der   Pfadfinder   ist   dieser   Pastor   zutiefst   überzeugt;   er   selbst   ist   über   diese   Bewegung   zum Glauben   gekommen.   Zu   den   Pfadfindern   darf   jedes   Kind   –   auch   Mädchen   –   ab   sechs   Jahre   gehören;   der Hauptteil   bewegt   sich   im   Alter   zwischen   13   und   25   Jahren.   Hier   werden   Inlands-   und   Auslandsfahrten sowie     Lager     über     das     ganze     Jahr     angeboten;     Glaube     soll     gemeinsam     erlebt     werden.     Die Selbsterziehung,   das   „Learning   by   doing“,   wird   großgeschrieben.   Die   Pfandfinder   in   dieser   Gemeinde weisen   jährliche   Wachstumsraten   von   10%   auf;   gegenwärtig   sind   50   Kinder   und   Jugendliche   –   viele   von ihnen   Gemeindefremde   –   dabei.   Diese   Arbeit   gehört   zum   offiziellen   Angebot   des   Baptistenbundes   in Ganzdeutschland. Auf    der    Webseite    der    Gemeinde    wird    die    soziale    Arbeit    von    „Laib    und    Seele“    als    „ökumenischer Durchbruch“   bezeichnet.   Mittwochs   ab   11   Uhr   erhalten   rund   250   Sozialschwache   Lebensmittel,   die   mit nach   Hause   genommen   werden   können.   Da   die   Empfänger   auch   Angehörige   haben,   werden   auf   diese Weise   wöchentlich   600   bis   800   Menschen   versorgt.   Die   Lebensmittel   werden   von   rund   70   Freiwilligen abgeholt,   gesammelt   und   zubereitet;   getragen   wird   die   Arbeit   neben   den   gastgebenden   Baptisten   von einer    evangelischen    und    einer    katholischen    Kirchengemeinde.    „Das    Wertvollste    für    alle    ist    das Miteinander“,   heißt   es   auf   der   Webseite.   „Der   anfänglichen,   noch   distanzierten   Neugier   aufeinander   folgte ein   vertrauter   Umgang   miteinander.“   Auch   die   Bewohner   benachbarter   Flüchtlingsheimen   nehmen   gerne an    dieser   Aktion    teil.    Mittlerweile    ist    durch    die    zusätzliche   Arbeitslast    die   Ausgabestelle    bis    an    die Grenzen   ausgelastet   und   mußte   ein   Aufnahmestopp   für   Bedürftige   in   die   Wege   leiten.   Pastor   Milkowski hofft,   daß   die   Gemeinden   in   Weißensee   einen   Weg   finden,   allen   notleidenden   Menschen   gerecht   werden zu können. Nicht    zuletzt    fügt    die    EFG    Weißensee    auch    über    die    klassischen    Angebote    einer    christlichen Ortsgemeinde: Seniorenkreis, Bibelstunde, Kinderstunde, Chor und Band. Eindeutig   positiv   blickt   Torsten   Milkowski   in   die   Zukunft.   Er   stellt   fest:   „Wir   erleben   ein   leichtes   Wachstum und   wir   verjüngen   uns.   Als   ich   2008   hierher   kam,   machte   ich   mir   zum   Ziel,   die   Mitgliederzahl   von   160 Menschen   in   der   Gemeinde   zu   erreichen.   Das   heißt,   daß   wir   jährlich   10   Menschen   begeistern   müssen, mit   uns   verbindlich   Gemeinde   Jesu   zu   leben.“   Neben   bis   zu   30   Kindern   wohnen   gegenwärtig   80   bis   100 Erwachsene dem sonntäglichen Gottesdienst bei. Wer   Anschluss   sucht,   ist   am   besten   gedient,   wenn   er   sich   sonntags   um   10   Uhr   in   die   Friesickestr.   15 begibt;   die   Straßenbahn   M13   hält   fast   vor   der   Tür.   Kontakt   kann   ebenfalls   über   die   Webseite   w ww.efg- weissensee.org “    oder    Facebook    (Suchbegriff    „Baptisten    Weißensee“)    erfolgen.    Pastor    Milkowskis Telefonnummer lautet: (030) 924 7393.  Autor: wy
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